Es ist ein immer aktuelles Thema, weil Erben und Vererben früher oder später jeden betreffen. Ein oft herausforderndes Thema, weil jede Familie ihre eigene Geschichte und jeder Mensch seine eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen hat. Ein sehr wichtiges Thema mit Einfluss auf die künftigen Beziehungen der Beteiligten und möglicherweise auf den Fortbestand eines Familienunternehmens. Und ein Thema, mit dem auch du als Berater oder Coach im Umfeld von Familienunternehmen früher oder später in Berührung kommen wirst.
Wie ist deine Antwort auf die eingangs gestellte Frage? Geht das mit dem Vererben und Erben ohne Streit?
Meine Antwort als Wirtschaftsmediator und Inhaberstrategie- und Nachfolgeberater ist: Ja, es geht. Aber es ist wahrlich kein Selbstläufer und man sollte es nicht dem Zufall überlassen. Schon gar nicht, wenn ein Unternehmen mit im Spiel ist.
Aber zunächst der Reihe nach: Streit ist nicht gleich Streit. Gegen ein Streiten im Sinne einer möglichst sachlichen, konstruktiven Auseinandersetzung, eines respektvollen Ringens um tragbare Lösungen ist ja nichts einzuwenden. Vermieden werden sollte aber, dass so ein Streit ins Destruktive kippt, eskaliert, sich verfestigt und dann auch noch an nachfolgende Generationen weitergereicht wird. Dann wird der Streit zu einem Energieräuber, der die Lebensqualität und die Beziehungen massiv beeinträchtigen kann. Nicht nur das: Er hat auch das Zeug Nachlasswerte zu vernichten.
Was du als Berater oder Coach für deine Mandanten/Klienten tun kannst, um bei ihnen solch destruktiven Streit beim Erben und Vererben zu vermeiden, beschreibe ich dir im Ansatzpunkt „Beziehung pflegen und offen kommunizieren“, der für dich hoffentlich hilfreich, aber natürlich nicht abschließend ist.
Ansatzpunkt 1 zur Streitvermeidung: Beziehungen pflegen und offen kommunizieren
Aus meiner Erfahrung aus vielerlei Mediations- und Nachlassfällen zeichnet sich für mich ein Muster ab: Den strittigen Fällen ist gemeinsam, dass die Beziehungen – und in der Folge die Kommunikation – gestört sind. Und das zeitlich oft schon lange vor dem Erbfall. Nach dem Erbfall herrscht dann Sprachlosigkeit und Misstrauen, oder das wenige Gesprochene konzentriert sich auf Unterstellungen und Vorwürfe. Wenn die Beziehungen im Argen liegen, ergeben sich bei den vielen zu bewältigenden Aufgaben rund ums Erbe immer Anknüpfungspunkte für Konflikte, und sei es, was auf der Schleife des Blumenkranzes für die Beerdigung steht.
Deshalb sollten wir die Mitglieder einer Unternehmerfamilie ermutigen und unterstützen, den Beziehungsboden frühzeitig zu düngen und Beziehungen frühzeitig zu klären, wenn sie es den Beteiligten denn wert sind, auch und insbesondere zwischen Geschwistern. Beziehungen sind kein Selbstläufer, sie bedürfen der Pflege. Dann fällt auch die spätere Kommunikation über Erb- und Nachfolgethemen leichter.
Immer hilfreich finde ich auch die Beschäftigung mit der eigenen (Familien-)Geschichte. Solch eine „biografische Forschungsreise“ hilft nicht nur der eigenen Klärung, sondern dient auch dem Erkennen, Bewusstwerden und gegebenenfalls der Durchbrechung einengender familiärer Muster und ererbter Konflikte. Nicht umsonst erstelle ich mit Unterstützung der Beteiligten in den meisten Mediations- und Beratungsfällen ein vereinfachtes Genogramm. Das löst immer wieder „Aha-Effekte“ aus, erleichtert die Einnahme einer hilfreichen Vogelperspektive und führt die eigene Endlichkeit vor Augen.
Manchmal braucht es auch Vergebung, dem anderen und sich selbst gegenüber, und stets den Blick nach vorne.
Deine Mandanten und Klienten werden es schätzen, wenn sie sich mit dir auch über solche Themen vertrauensvoll austauschen können. In solch einer Beratung und Begleitung haben dann nicht nur Fachthemen Platz, sondern der ganze Mensch – ganzheitliche Beratung im besten Wortsinn.
Zusammenfassende Empfehlungen zur Ausgangsfrage „Erben und Verben ohne Streit: Geht das überhaupt?“
Ermutige und unterstütze deine Mandanten/Klienten
– ihre Beziehungen frühzeitig zu pflegen und zu klären
– ihre Nachlassplanung gemeinsam mit den anderen Beteiligten am „Runden Tisch“ zu besprechen
– sich über zusätzliche, für sie geeignete, streitvorbeugende Maßnahmen Gedanken zu machen


